26.01.2018 — Handelsblatt-Anlageempfehlung - Stunde der Zykliker

Dr. Bernd Meyer ist Chefstratege Wealth and Asset Management bei Berenberg

Auch wenn die Hausse in ihr zehntes Jahr geht: Es bleibt eine schöne Welt für Aktienanleger. Das Konjunkturumfeld ist freundlich, Investitionen steigen, die Inflation zieht leicht an. Gleichzeitig steigen Rohstoffpreise, Löhne und Zinsen nur moderat. Auch die Unternehmen stehen gut da: Die Profitabilität dürfte sich insbesondere in der Euro-Zone weiter verbessern. Die begrenzten Anlageinvestitionen der letzten Jahre sprechen zudem nicht dafür, dass höhere Abschreibungen die Profitabilität belasten – der Margenhöhepunkt sollte also noch vor uns liegen. Das alles spricht für Aktien. Allerdings scheint der bisherige Gleichlauf an den Märkten zu enden. Bislang trieb vor allem die Liquiditätsschwemme der Notenbanken die Kurse nach oben. Inzwischen ist aber die Korrelation zwischen den einzelnen Aktiensektoren etwa in den USA so niedrig wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Das liegt auch daran, dass Investoren wieder stärker auf Konjunkturdaten, politische Reformen und die Risiken der einzelnen Unternehmen schauen. Was heißt das für Anleger? Traditionell schneiden Zykliker in Phasen starken Wachstums besser ab als defensive Titel. Auch weisen einige dieser Sektoren derzeit historisch niedrige Profitmargen auf und haben Aufholpotenzial, solange die Konjunktur läuft. Auf der anderen Seite erleben viele defensive Sektoren wie der Einzelhandel Margendruck als Folge eines verstärkten Wettbewerbs. Gegen defensive Titel spricht zudem, dass sie seit Beginn der Finanzkrise stark von sinkenden Anleiherenditen profitiert haben. Anämisches Wachstum, Disinflation und hohe politische Unsicherheit haben dazu geführt, dass Anleger eine steigende Prämie für Unternehmen mit einer historisch niedrigen Volatilität und einem niedrigen Beta gezahlt haben. Steigende Anleiherenditen kommen tendenziell eher zyklischen Sektoren zugute. Und die Zinsen sollten weiter steigen: Die EZB reduziert ihr Anleihekaufprogramm immer weiter, und früher oder später wird sie den Leitzins anheben. Die Stunde der Zykliker scheint zu schlagen.

Die Anlageempfehlung ist eine Einschätzung des Autors.